Aufgeben. Warum gibst du schlechte Projekte nicht auf?
Shownotes
Spaziergang 42: Aufgeben. Warum gibst du schlechte Projekte nicht auf?
Hallo und herzlich willkommen zu unserem Spaziergang zusammen hier im Westerwald. Schön, dass du wieder dabei bist. Heute heißt das Thema Aufgeben und nein, es geht nicht darum, dass ich meinen Podcast aufgebe, denn der macht mir wirklich Spaß und es geht heute stattdessen um die Frage, warum wir uns so schwer tun, als Menschen etwas aufzugeben, was eigentlich keinen Sinn mehr hat.
Wo wir merken, wir laufen in eine falsche Richtung oder es wird nichts mehr oder die Umstände haben sich geändert. Es kommt ja vielleicht auch bei dir häufiger vor, ich kenne das auch von mir selber und ich kenne es erst recht aus meinem Arbeitsleben, dann wenn ich Projekte gemacht habe und man sieht schon, ich sage mal auf Arbeitsebene, das wird so nichts mehr, das Projekt läuft ins Leere oder das wird immer teurer und das ist so wahrscheinlich nicht umsetzbar und vom Management kommt trotzdem die Aufgabe, mach das fertig.
Aber wie gesagt, ich bin da nicht immun selber, auch ich, gerade im Privatleben. Ich habe schon das ein oder andere Projekt entweder nicht schnell genug oder gar nicht aufgegeben, obwohl ich ganz genau wusste, dass das kein gutes Ende nehmen wird. Jetzt ist natürlich die Frage, warum? Warum sind wir Menschen so schnell da drin, Dinge nicht aufzugeben? Schnell darin, Dinge nicht aufzugeben, weil wir ganz schnell uns dafür entscheiden, sie doch weiterzumachen.
Daher habe ich dieses Wort schon sehr bewusst gewählt. In der Wissenschaft heißt das die Sunk Cost Fallacy oder auch die Falle der versenkten Kosten auf Deutsch. Meistens wird der englische Begriff verwendet. Was bedeutet das? Man fängt mit irgendetwas an. Das kann was Privates sein, wie eine Beziehung, wie ein Hausbau, wie was auch immer man so tut.
Eine Urlaubsreise. Das ist aber auch ganz besonders im beruflichen Kontext, insbesondere da, wo Projekte gemacht werden, in der Software oder in Firmen, wo andere Arten von Projekten zum Beispiel Changes, Umstellungen, Prozessumstellungen und ähnliches. Und jetzt kommt es ganz oft vor, dass man in dem Moment, dass du oder ich oder wer auch immer schon irgendeine Form von Energie, also Geld, Zeit, Arbeit, Mühe in dieses Projekt gesteckt haben, dass dann in dem Moment, dass einem klar wird, uff, das läuft nicht so wie ich will oder das macht mir doch nicht so viel Spaß wie ich dachte oder ich habe was falsch eingeschätzt, ich dachte, dass der Teil, der jetzt kommt, ganz leicht geht und vielleicht ist es der kruziale Teil für das ganze Projekt, der dann nicht funktioniert, und trotzdem fällt es uns Menschen dann ganz, ganz schwer, einfach zu sagen, okay, ich habe jetzt die 1000 Euro investiert oder die drei Monate Arbeit oder was auch immer, ich schließe das jetzt ab, ich verbuche das unter, hat halt nicht geklappt, hat nicht sollen sein, Umstände haben sich geändert und ich mache einfach weiter.
Wir Menschen tendieren tatsächlich stark dazu, dann trotzdem weiterzumachen. Verrückt oder? Man weiß, dass das eigentlich nicht gut geht, nicht so wie man sich vorgestellt hat oder unter den veränderten Randbedingungen wahrscheinlich nicht funktionieren wird und trotzdem hält man daran fest. Völlig unökonomisch. Jeder Wirtschaftswissenschaftler, der von der klassischen Schule ist, hätte gesagt, der Homo oeconomicus würde das niemals tun.
Aber der Homo sapiens macht es eben. Und jetzt kommt wieder die Psychologie ins Spiel und da gibt es einige tatsächlich sehr interessante Überlegungen, woher das denn kommen kann. Das eine ist ein Stück Selbstrechtfertigung. Man stellt fest, dass wenn Menschen die Entscheidung selber getroffen haben, das Projekt zu starten, dass sie dann noch mehr dazu neigen, das Projekt nicht abzusägen, sondern weiterzumachen.
Und ja, das ist einfach ein Schutz, dass man sich nicht eingestehen will, dass das eine Dissonanz ist mit der ersten anfänglichen Entscheidung, dass die ursprüngliche Entscheidung nicht richtig war. Und dann denkt man sich, und da kommen wir schon zum zweiten Punkt, dass man ja auch nicht verlieren will.
Und man will, dass man sich schlecht fühlt, man hofft lieber, ach, vielleicht wird es ja doch was. Das heißt, da kommt ein ganz irrationales Festhalten an auch unprofitablen Projekten, weil man diesen Verlustakzeptanzschmerz den will man nicht haben. Gerade Menschen, die sich sowieso schwer darin tun, und deshalb schätze ich, dass es nicht alle Menschen betrifft. In der Wissenschaft sagt man auch, dass es viele Menschen betrifft, aber nicht, dass es alle Menschen betrifft. Und du weißt ja, du kannst in den Shownotes immer nochmal nachschauen, auf welche Studien ich mich da beziehe.
Auf jeden Fall, auf der einen Seite merkt man diesen Zwang, das Projekt weiterzuführen, um die ursprüngliche eigene Entscheidung als richtig zu beweisen. Und auf der anderen Seite eben einfach die Vermeidung des Gefühles von – wenn ich mir jetzt eingestehen würde, dass ich damit stoppe, dass es in der Zukunft nicht doch irgendeine Situation gibt, wo es richtig ist, ja, dann muss ich mir das ja eingestehen.
Und dann kommen wir zum dritten Punkt, der nennt sich dann antizipierte Reue. Das heißt, ich habe ja im Grunde die Entscheidung, entweder jetzt aufgeben und die 1000 Euro, die drei Monate Arbeit oder was auch immer ich da reingesteckt habe, abzubuchen und zu sagen, okay, das wird auch nie wieder was. Oder ich habe die Möglichkeit zu sagen, okay, ich halte daran fest. Es ist zwar riskant, aber vielleicht wird es ja doch noch was. Da neigen Menschen eher dazu, später lieber bereuen zu wollen etwas, was sie getan haben, als etwas, was sie nicht getan haben. An vielen Stellen im Leben finde ich das auch total gut, wenn man sagt, bereue lieber etwas, was du getan hast, als etwas, was du nicht getan hast.
Wenn es aber um Projekte geht, die wirklich in die falsche Richtung laufen, tut mir leid, dann ist das vielleicht nicht die beste Wahl. Trotzdem wählen wir sie als Menschen. Wirklich. Und dabei fällt auch auf, dass besonders in der Startphase, wo noch viel positive Energie dahinter steckt, wir uns schwer tun damit und in der Schlussphase. Das heißt, in der Mitte von so einem Projektzyklus gibt es eher mal die Möglichkeit, zumindest emotional zu sagen, passt nicht, wird auch nichts mehr werden.
Dann hat man aber schon eine ganze Menge Geld reingesteckt und Zeit und Arbeitsstunden. Aber am schwierigsten ist das, kurz nach dem Start einzusehen, dass es nichts wird oder relativ kurz vorm Ende. So nach dem Motto, die letzten drei Monate können wir da auch noch reinpulvern, weil es ist ja fast fertig, dann können wir es zumindest unter Fertiggestellt verbuchen.
Ja, kann man so machen, muss man nicht. Und das sind so die Effekte, die dazu führen, diese Sunk Cost Fallacy. Und ich kann dir nur empfehlen, in dem Moment, dass du merkst, dass ein Projekt in die falsche Richtung läuft, geh bewusst mit deinen Emotionen um. Denn wenn du Angst hast vor der Reue, wenn du Angst hast vor dem negativen Gefühl des Aufgebens, wenn du Angst hast davor, dass deine Entscheidung eben nicht richtig war, als du sie getroffen hast, das Projekt zu machen, dann ist das völlig verständlich. Wir alle haben Emotionen, wir alle haben, wie im System der inneren Familie gesprochen, entweder Exiles oder Beschützer, also Teile von uns, die uns helfen möchten, aber die gerade in solchen Situationen eben ganz besonders angesprochen werden, getriggert werden, besonders heftig, mächtig werden.
Wenn du möchtest, hör dir doch mal die Folge Teile an, die ich vor mittlerweile glaube ich zwei Wochen rausgebracht habe, da erkläre ich das System ein bisschen mehr. Das erklärt sehr schön, was dann auch in dem Moment passiert, auch emotional passiert. Und ja, in dem Moment ist es ein Stück weit Reflexion.
Das sage ich so einfach und es ist im echten Leben viel schwerer. Ich will dir aber wenigstens einen Tipp mitgeben. Weil hier einfach nur darüber zu reden, Sunk Cost Fallacy und das ist alles doof und wir Menschen laufen immer wieder in die gleiche Falle, ja, ist das, was die Wissenschaft beweist. Aber ich möchte dich ja auch ein bisschen inspirieren.
Und es gibt zumindest eine Möglichkeit, wie man das einfacher gestaltet, wie man dafür sorgen kann, dass die Sunk Cost Fallacy etwas weniger krass zuschlägt. Das betrifft zwar die Anfangsphase, da, wo es teilweise mit dem Enthusiasmus besonders schwierig sein kann, ein Projekt zu stoppen, aber ich will dir eine kleine Geschichte erzählen. Vielleicht inspiriert sie dich. Wenn du viel in der Software gearbeitet hast wie ich, dann kommen dir bestimmt Parallelen drin vor.
Und es ist etwas, was auch im Agilen sehr viel propagiert wird, aber leider noch viel zu wenig umgesetzt wird. Jetzt kommt erstmal die Geschichte und dann kommt die Auflösung, was das in den Projekten häufig ist. Also, wenn du den Plan hast, dein Geld damit zu verdienen, dass du einen Affen dressierst und den Affen auf einer schönen großen Bühne hell beleuchtet gut gemacht, jonglieren und tanzen lässt.
Dann kannst du natürlich damit anfangen, erstmal die Bühne zu bauen. Du gehst hin und holst dir das ganze Holz und machst ganz viel Arbeit und baust die ganze Bühne inklusive Scheinwerfern und trullala und Beleuchtung und Nebel und ich weiß nicht was und dann, wenn das Ganze fertig ist, damit der Affe tanzen kann, dann gehst du hin und überlegst dir, wie du denn den Affen trainierst und dann begegnest du dem Affen und merkst, Mist, das mit dem tanzenden Affen, das will der Affe nicht und das kriege ich ihm auch nicht beigebracht.
Und das wird ja eigentlich nach zwei, drei Stunden mit dem Affen relativ deutlich. Ich glaube auch, dass es nicht so sinnvoll wäre, das überhaupt mit einem Affen zu machen und in der heutigen Zeit wäre das auch überhaupt nicht mehr erlaubt. Mir ist wichtig, die Geschichte, denn so surreal sie jetzt gerade ist, so surreal gehen wir nämlich häufig mit Projekten voran.
Denn denk mal an die große Bühne mit der Beleuchtung und den Lautsprechern und den Nebeln und den ich-weiß-nicht-was-da-alles-gebaut-ist, inklusive natürlich der Bühne selber. Da ist unglaublich viel Zeit und Geld reingeflossen, unglaublich viel Energie sozusagen von dir, bis du dann irgendwann feststellst, dass das Kernstück, also das, was essentiell ist, damit das Ganze überhaupt funktionieren kann, dass das gar nicht geht.
Du hättest ja auch andersrum anfangen können. Du hättest erst versuchen können, den Affen zu trainieren und feststellen, dass es nicht geht. Dumm gelaufen, mit Sicherheit ein bisschen Energie reingesteckt, mit Sicherheit enttäuscht, aber mit Sicherheit weniger geldlos, als wenn du erst die Bühne gebaut hast.
Gut, mit Sicherheit ist nichts, aber ich schätze mal, du weißt, worüber ich gerade nachdenke. Wenn du also erst, und jetzt kommen wir zur Software, die ganzen Rahmenbedingungen baust. Die ganze andere Software anpasst, damit du dann das Kernstück bauen kannst oder erst mal ein riesiges Framework baust, um dann am Ende die Funktion einzubauen und beim Einbauen der Funktion feststellst, dass entweder das gar nicht geht oder dass der Kunde das so gar nicht will oder dass das überhaupt nicht mehr zum Markt passt.
Was auch immer es ist, dann hast du irrsinnig viel Zeit und Geld in den Bau des Frameworks gesteckt und das ist weg, wenn du dann einsiehst, dass die Funktion doch nicht so gut ist. Andersrum kannst du natürlich auch hingehen und das ist ja auch die Empfehlung des agilen Arbeitens, das ist ganz viel auch im Design Thinking mit dem Rapid Prototyping mit drin, hingehen und erstmal gucken, ob das, was essentiell ist, damit es überhaupt was wird, das mal auszuprobieren. Und damit die Sunk Cost Fallacy zumindest etwas abzuschwächen, auch wenn es dir vielleicht trotzdem schwerfällt, am Ende selbst nach dem noch so kleinen Zyklus einzusehen, dass das Projekt nicht funktioniert hat.
Immerhin hast du keine Millionen versenkt. Insofern hoffe ich, dass dich das ein bisschen inspiriert und du vielleicht in deinem Leben damit was anfangen kannst. Ich wünsche dir einen wunderschönen Abend und frage dich natürlich, wann du mal ein positives Erlebnis damit hattest, etwas aufgegeben zu haben.
Und ja, vielleicht ist es dir schwer gefallen, aber nachher warst du froh, dass du es aufgegeben hast. Genau. Damit wandere ich jetzt zurück nach Hause mit Paolo und hoffe, dass du morgen wieder mit dabei bist. Mach's gut!
Literatur:
Ronayne, G., Szpiro, S., & Ronayne, N. (2021). The Sunk Cost Fallacy in Decision-Making..
Simonson, I., & Staw, B. M. (1992). De-escalation strategies: A comparison of techniques for reducing commitment to losing courses of action. Journal of Applied Psychology, 77(4), 701–708.
Staw, B. M. (1981). The escalation of commitment to a course of action. Academy of Management Review, 6(4), 577–587.
Wong, K. F. E., & Kwong, J. Y. Y. (2007). The role of anticipated regret in escalation of commitment. Journal of Applied Psychology, 92(2), 545–554.
Wuebker, J., Greitemeyer, T., & Mahlendorf, M. D. (2020). Debiasing escalation of commitment: The effectiveness of decision aids to enhance de-escalation. Journal of Management Control, 30(4), 481–513.
. (2025).. Journal of Computational Social Science, 8(1).
Disclaimer:
Dieser Podcast ist ein virtueller Spaziergang und dient ausschließlich der Information und Inspiration. Die Inhalte stellen keine Psychotherapie, kein Coaching und keine professionelle Beratung dar und ersetzen diese auch nicht.
Alle hier formulierten Aussagen sind wissenschaftlich recherchiert. Die entsprechenden Referenzen und Quellen findest du im Anhang der Show Notes zu dieser Folge.
Ich übernehme keine Verantwortung für die Richtigkeit der wissenschaftlichen Aussagen oder deren Anwendung. Die Inhalte dieses Podcasts sind nicht als Anleitung zu verstehen, etwas Bestimmtes zu tun, sondern dienen rein der Inspiration und Anregung zum Nachdenken.
Bei gesundheitlichen oder psychischen Problemen wende dich bitte an entsprechende Fachkräfte oder Beratungsstellen.
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