Teamwork. Kann man Teamwork lernen?

Shownotes

Spaziergang 44: Teamwork. Kann man Teamwork lernen?

Hallo und herzlich willkommen zu unserem Spaziergang im Westerwald. Schön, dass du wieder dabei bist.

Heute geht es um eine Frage, die mich schon länger beschäftigt hat. Und zwar die Frage: Muss man als Mensch eigentlich Teamwork lernen? Oder ist Teamarbeit nicht so tief in uns Menschen angelegt, dass wir das doch sowieso können müssten?

Wenn wir tatsächlich mehrere hunderttausend Jahre damit verbracht haben, gemeinsam am Lagerfeuer zu sitzen und zu reden und zusammenzuarbeiten, weil wir alleine gar nicht überlebt hätten, dann müssten wir das doch eigentlich können. Dann müssten doch alle Teamarbeiten perfekt ablaufen. Da gibt es nur einen kleinen Unterschied.

Wir leben nämlich nicht mehr in der Altsteinzeit und dadurch sind wir viel weniger extrem geprägt – und das Wort extrem benutze ich hier absichtlich – von der Gruppe, die uns umgibt. Wir wachsen in Kleinfamilien auf. In der Kita haben wir zwar ein paar Kinder um uns, aber meistens nur Gleichaltrige. Auch in der Schule später haben wir sehr viel mit Gleichaltrigen zu tun, aber wenig mit richtig gemischten Gruppen, mit Leuten mit komplett anderen Interessen, mit Leuten, die vielleicht gerade was anderes wollen, für die was anderes wichtig ist.

Wenn wir eh alle etwa gleich alt sind, dann rennen wir vielleicht gerade allen Boybands hinterher oder wir begeben uns auch nur in die Gruppen, die ähnliche Interessen haben. Auf der Arbeit ist das aber nicht unbedingt der Fall. Auf der Arbeit haben wir mit sehr vielen Menschen zu tun, wir haben mit unterschiedlichen Gruppen zu tun, wir haben im Team mit sehr, sehr unterschiedlichen Charakteren zu tun, anderen Lebenseinstellungen, anderen Alters.

Und da wir da nicht als Kinder, als Kleinkinder schon ganz extrem darauf geprägt sind, immer in der Gruppe zu sein und immer in der Gruppe zu arbeiten, bin ich tatsächlich überzeugt, dass man das lernen darf, vielleicht auch muss und auch sollte, wenn man gut in der Gruppe arbeiten will.

Jetzt ist es aber so, dass wir natürlich ganz viele Bücher hören können, du kannst diesen Podcast hören und dich inspirieren lassen, du kannst mit mir ganz oft spazieren gehen, du kannst Sachen lesen und trotzdem wird es dich nur ein Stück weit weiterbringen, wenn es darum geht, besser im Team zu arbeiten.

Und es gibt ja Teams, die ganz extrem eng zusammenarbeiten müssen, wie zum Beispiel die Teams in der Notaufnahme, wenn sie Schockräume betreuen. Und eine Notaufnahmeärztin, die regelmäßig Schockräume betreut, sagte mir: Wenn du wirklich im Team zusammenwachsen willst und im Team wirklich gut zusammenarbeiten willst, dich 100 % aufeinander verlassen können musst, dann train as you fight.

Auf Deutsch: Trainiere so, wie in der Situation, als ob du kämpfen würdest. Ich weiß jetzt nicht, inwieweit ein Schockraum wirklich ein Kampf ist. Ich schätze mal, dieser Spruch kommt eigentlich aus dem Militär. Aber ich finde es sehr, sehr lehrreich für das, was wir in Teams, auch in Firmen, auch in allem, wo wir unterwegs sind, Vereinen, wo man im Team arbeiten darf, macht.

Das heißt, alles lesen, alles dich inspirieren, wird dir wenig bringen, sondern mach es. Geh hin und mach die Teamarbeit und immer wieder, so oft, bis es funktioniert. Da ist nur ein ganz wichtiger Teil noch dabei, den ich auf gar keinen Fall weglassen sollte. Denn wenn du völlig unreflektiert in so ein Teammeeting gehst, dich ganz genau so verhältst wie immer, dich dann wunderst, warum die anderen so sind wie sie sind, dann nicht weiter darüber nachdenkst und nächstes Mal das Gleiche machst, dann gibt es so einen schönen Spruch, bei dem ich nicht weiß, ob das von Einstein tatsächlich kommt oder nicht. Aber wenn man immer wieder dasselbe macht und ein anderes Ergebnis erwartet, dann ist das ziemlich sinnfrei. Ich weiß nicht mal genau, was er da sagte, aber in diese Richtung geht der Spruch und ich mag den. Ich mag die Idee dieses Spruchs. Du siehst schon, auswendig kann ich ihn nicht.

Aber wenn du immer wieder im Team arbeitest und das nicht reflektierst, dir nicht überlegst: Was habe ich jetzt getan, was haben die anderen getan, was war meine Einstellung, was waren meine Bedürfnisse, was war mein Interesse? Und inwieweit kann ich mich in die Situation der anderen reinversetzen und verstehen, was ihre Bedürfnisse sind?

Dazu brauche ich nicht ihrer Meinung zu sein. Ganz oft, das habe ich auch bei mir früher gemerkt, dachte ich: Hm, wenn ich jetzt versuche, den anderen zu verstehen, dann muss ich ja seine Meinung teilen. Nein, das ist nicht so. Auch wenn du denjenigen verstehst und seine Meinung nicht teilst, wird es in Bezug auf Teamwork eine gute Chance geben, dass es dir hilft, dass es dich besser macht.

Es gibt da auch ganz tolle Bücher, die werde ich dir auf jeden Fall unten verlinken in den Shownotes, bei denen du dich reinlesen kannst. Aber nochmals: Train as you fight. Alles lesen, alles hören, alles dich inspirieren lassen, bringt nichts, wenn du nicht regelmäßig im Team arbeitest. Und das ist einer der Gründe, warum ich das agile Arbeiten selber sehr mag.

Denn man muss im Grunde gezwungen sehr viel im Team arbeiten. Und wenn man das regelmäßig macht, wirklich in großer Menge sinnvoll macht und immer wieder reflektiert – und das gilt aber für alle. Es ist natürlich schwierig, wenn von sieben Leuten zwei viel reflektieren und die anderen fünf nicht. Dann hoffe ich, dass ihr einen sehr guten Scrum Master habt, der die anderen auch dazu inspiriert, motiviert zu reflektieren.

Vielleicht eine doofe Situation ist, wenn man der Erste ist, der reflektiert in der Runde. Aber gerade dazu sollten ja auch die Retrospektiven und Ähnliches da sein, damit ihr da auch als Team weiterkommt.

Genau. Es bringt dann was, wenn man wirklich in der Situation ist. Gleiches gilt ja übrigens auch für Präsentationen und Ähnliches. Wenn du eine Präsentation vor 400 Leuten halten willst und du hast es noch nicht gemacht oder nur mit vier Leuten geübt, dann ist es was völlig anderes. Und so ist es auch mit dem Teamwork. Wenn du selber vielleicht das Gefühl hast, du magst Teamwork nicht so gerne, dann kann ich das nachvollziehen, kann ich das nachfühlen.

Wenn dein Job es aber erfordert, dass Teamwork ein Teil davon ist, dann kann ich dir nur raten, es immer und immer wieder zu machen und zu reflektieren. Wir werden bestimmt hier in den nächsten Wochen immer mal wieder über das Thema Reflektieren sprechen und wie, inwieweit ich dich inspirieren kann in Bezug auf Reflektieren, wie könnte man das machen, was sind da Methoden. Aber gerade – wir haben ja viel über Meetings gesprochen, wir werden auch weiter über Meetings sprechen – denn Meetings sind ja so eines der Kernstücke von Teamarbeit. Und eines der Stücke, wo es häufig schiefläuft.

Dieses Reflektieren ist in ganz vieler Hinsicht der Schlüssel dazu, dass Meetings konstruktiv und produktiv laufen. Das war jetzt mein erster Informationsteil, der überleitet zu den psychologischen Themen, die Meetings und damit Teamwork für uns schwierig machen. Und ich hoffe, dass es dich jetzt schon ein wenig inspiriert hat, dass einer der ganz wichtigen Schlüssel eben ist: einfach machen, üben, üben, üben, üben, üben.

Teamwork ist zwar etwas, was in uns Menschen angelegt ist, ist aber trotzdem etwas, was wir üben dürfen.

Damit kommt meine Frage des Tages an dich: Wann hat dich Teamwork schon mal so richtig weitergebracht? Und woran erkennst du, dass es dich weiterbringt? Wenn du so in einem Meeting sitzt, dann denk mal zurück an den Moment, wo es dich so weitergebracht hat und was waren so ganz entscheidende Faktoren in der Situation und wie könntest du in Zukunft erkennen, wenn du noch drin bist in so einem Meeting, dass dieses Meeting dich weiterbringt?

Ja, damit wünsche ich dir einen wunderschönen Nachmittag. Ich gehe jetzt hier weiter mit Päuchen spazieren und ich freue mich, dich morgen wieder zu sehen. Mach's gut!

Literatur:

Edmondson, A. (1999). Psychological Safety and Learning Behavior in Work Teams.   

Salas, E., DiazGranados, D., Klein, C., Burke, C. S., Stagl, K. C., Goodwin, G. F., & Halpin, S. M. (2008). Does team training improve team performance? A meta-analysis. Human Factors50(6), 903–933.   

McAvoy, A., Lerer, A., & C. Hilbe (2024). Unilateral incentive alignment in two-agent stochastic games.   

O’Neill, T. A., Allen, J. A., Wressel, M. C., & D’Angelo, N. (2023). Team performance: A review of research and future prospects.   

Rosen, M. A. (2014). An integrative framework for sensor-based measurement of teamwork in healthcare. Ergonomics57(11), 1629-1649.   

Vecerka, S. (2019). Die Rolle der Teambeziehung für die Medienwahl in IT-Teams.   

Weinert, F. E. (2004). Psychologie der Kommunikation und Interaktion (5. Aufl.).   

Wilk, V., & J. F. Zumbach (2023). Gruppenkohäsion und Produktivität: Eine kritische Analyse.   

Xie, B., Zheng, X., & Yang, B. (2020). The curvilinear relationship between team familiarity and team innovation: A secondary data analysis.   

Zheng, X., & Yang, B. (2020). Does Member Familiarity Help or Hinder Innovation? The Roles of Expertise and Dialogic Coordination.

Beyond Reason (1. Auflage ist die aktuelle):Fisher, R., & Shapiro, D. B. (2006). Beyond reason: Using emotions as you negotiate. Penguin US.

Getting to Yes (3., überarbeitete Auflage):Fisher, R., Ury, W., & Patton, B. (2011). Getting to yes: Negotiating agreement without giving in (3rd ed., rev. ed.). Penguin.

Disclaimer:

Dieser Podcast ist ein virtueller Spaziergang und dient ausschließlich der Information und Inspiration. Die Inhalte stellen keine Psychotherapie, kein Coaching und keine professionelle Beratung dar und ersetzen diese auch nicht.

Alle hier formulierten Aussagen sind wissenschaftlich recherchiert. Die entsprechenden Referenzen und Quellen findest du im Anhang der Show Notes zu dieser Folge.

Ich übernehme keine Verantwortung für die Richtigkeit der wissenschaftlichen Aussagen oder deren Anwendung. Die Inhalte dieses Podcasts sind nicht als Anleitung zu verstehen, etwas Bestimmtes zu tun, sondern dienen rein der Inspiration und Anregung zum Nachdenken.

Bei gesundheitlichen oder psychischen Problemen wende dich bitte an entsprechende Fachkräfte oder Beratungsstellen.

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