Meeting Kontrolle. Kann Angst vor Kontrollverlust Meetings sprengen?
Shownotes
Spazierung 48. Meeting Kontrolle. Kann Angst vor Kontrollverlust Meetings sprengen?
Hallo und herzlich willkommen bei Walk & Talk mit Ida. Heute, durch starken Regen draußen, lade ich dich ein in mein Arbeitszimmer. Ich habe es ausprobiert: wenn es draußen stark regnet, dann ist es wirklich total laut und du verstehst mich kaum mehr. Deshalb werden wir ab jetzt, gerade im Winterhalbjahr, ab und an mal gemütlich in meinem Arbeitszimmer sitzen.
Und wenn es vom Wetter her passt, gehen wir zusammen draußen spazieren im Westerwald. Heute möchte ich mal anfangen, die psychologischen Aspekte von unkonstruktiven und unproduktiven Meetings zu beleuchten. Das mache ich wieder aus der Idee von dem System der inneren Familie heraus. Das habe ich schon mal ein bisschen mit dir besprochen und ich werde es aber auch heute nochmal erklären, denn mir ist wichtig, dass du jeden Spaziergang mit mir zusammen einzeln genießen kannst und nicht immer erstmal alle Folgen gehört haben musst, bis du hierher kommst.
Ich hatte jemanden mal kennengelernt und über den Podcast gesprochen und gesagt, ich will was über Meetings machen. Und er sagte: Boah, wir haben hier auf unserer Behörde so schrecklich viele Meetings, die so sinnlos sind und die zu nichts führen, und da hätte man auch ein Memo schreiben können. Denn wenn ich in das Meeting gehe, dann sitzt da einfach nur einer und redet die ganze Zeit. Und das hätte ich mir auch komplett sparen können.
Und dann dachte ich mir: Ja, das nehme ich gleich mal mit. Da gibt es nämlich verschiedenste Gründe, warum sowas auftritt, dass jemand im Meeting die ganze Zeit nur redet. Und ich möchte dir hier mal den ersten Grund, nämlich die Angst vor dem Chaos, heute erklären und hoffe, dich dazu zu inspirieren, dass du diese Menschen, die das machen, mit Mitgefühl betrachten kannst.
Denn Mitgefühl ist eines der größten Stärken der Menschen. So wie wir gemacht sind als soziale Wesen, und Meetings eigentlich zur Stärke und zur Kultur des Menschen gehören. Wenn wir uns nicht so viel verständigen könnten, miteinander abstimmen könnten und es nicht über Jahrhunderttausende geübt hätten, dann wären wir wahrscheinlich gar nicht so weit gekommen, wie wir sind.
Aber auch Mitgefühl ist eine unserer großen Stärken, und vielleicht schaffst du es mit mehr Mitgefühl auf diese Menschen zu schauen, die da sitzen und die ganze Zeit nur reden.
Heute, inspiriert von jemandem aus einer Behörde, die Frage: Warum ist da jemand, macht ein Meeting, das völlig sinnlos ist und redet dann noch die ganze Zeit? Mit der Angst vor dem Chaos.
Stell dir vor, du hast irgendwann in deinem Leben mal erlebt, dass du einen Kontrollverlust hast, dass da um dich herum Chaos ist und du damit nicht zurechtkommst. Das kann zu verschiedensten Zeitpunkten im Leben gewesen sein, das kann man gar nicht sagen. Das muss nicht die Kindheit oder Jugend gewesen sein, auch wenn es das häufig ist.
Und dieses Erlebnis formt im Menschen eine Art Rucksack mit Erinnerungen, mit auftretenden Gedanken. Die können Gedanken, Gefühle, körperliche Symptome auslösen. Und im System der inneren Familie, in der man davon ausgeht, dass jeder Mensch ganz, ganz viele Teile hat, aber dass jeder Teil von sich aus immer gut ist und Gutes will – dass so ein Teil so lieb ist, diesen Rucksack, nenne ich es mal, mit diesen unverdauten Erinnerungen und diesem unverdauten traumatischen Erlebnis sozusagen mitzunehmen. Und diese Art von Teil, der diesen Rucksack trägt, den nennen wir dann Exile.
Weil er durchaus im System, im Menschen, in dem es sehr viele Teile gibt, zu starken Reaktionen führen kann in dem Moment, wo dieser Rucksack, diese Bürde getriggert wird. Wo man wieder in eine Situation kommt, in der man Angst hat, die Kontrolle zu verlieren.
Damit das möglichst nicht passiert oder wenn es passiert, es möglichst wenig Schaden auslöst, gibt es andere Teile im System der inneren Familie. Die einspringen, die nur Gutes wollen für den Menschen, dessen Teil sie sind. Sie werden zu Managern oder zu Brandbekämpfern. Manager kümmern sich proaktiv um Probleme, so wie auch in Firmen. Brandbekämpfer sind reaktiv, so wie wir es auch aus dem täglichen Leben kennen.
Diese Teile sind ganz normale Teile, gute, richtige Teile eines Systems. Im System der inneren Familie, in der Therapie mit dem System der inneren Familie geht man davon aus, dass es neben dem Selbst – man könnte das vielleicht auch einfach als eine Art Seele sehen, im IFS heißt es Selbst – neben diesem Selbst, das kein Teil ist und gekennzeichnet wird von Qualitäten wie Mut, wie Neugierde, wie Mitgefühl, Ruhe, dass von diesen Qualitäten und noch mehr Qualitäten gekennzeichnet wird, gibt es eben die Teile. Und die Teile beeinflussen sehr, sehr häufig unser Verhalten.
Wie gesagt, es gibt sehr viele Teile, ganz viele davon sind ganz liebe, unterstützende Teile. Und auch die Teile, die wir als schwierig erfahren, sind liebe, unterstützende Teile. Es sind Manager, es sind Brandbekämpfer oder eben Exiles, die die Bürde tragen in ihrem Rucksack.
Soviel zur kurzen Einführung zum System der inneren Familie.
Und jetzt kommen wir mal auf die Frage: Was ist, wenn ich da tatsächlich diesen Kontrollverlust erlebt habe? Das ist unser erster Grund, warum jemand ein Meeting ansetzt und dann die ganze Zeit redet. Oder er kommt in ein Meeting, das er nicht mal selbst angesetzt haben muss in diesem Falle, und redet einfach die ganze Zeit.
Wir werden in den nächsten Wochen noch das System, das Angst vor Blamage hat, kennenlernen übrigens, und das System, das Angst vor Bedeutungslosigkeit hat. Alles Gründe, warum Menschen das ganze Meeting sprengen, indem sie die ganze Zeit reden. Aber heute geht es um die Angst vor dem Chaos, nur damit du eine Idee hast. Es gibt da noch mehr Gründe, warum Menschen sowas machen. Die besprechen wir aber noch wann anders.
Wenn ich einen Teil in mir habe, der diese Bürde trägt mit dieser Kontrollverlustangst, dann kann es sein, dass ich einen proaktiven Manager habe. Und dieser Manager, der sorgt dafür, dass ich von Anfang an eine überdetaillierte Agenda mache. Dass ich total penibel bin. Dass ich keine Lücke zulasse. Dass ich alles komplett durchplane. Weil Chaos ist mein größter Feind, davor habe ich Angst. Ich tue alles, um dafür zu sorgen, dass nichts schief gehen kann. Dass ich alles unter Kontrolle habe.
Wenn ich Angst vor Kontrollverlust habe, dann werde ich im Grunde einen Manager haben, der darauf reagiert, indem er ein Kontrollfreak ist. Gut, das klingt negativ. Manager sind nicht negativ. Wie kann ich es besser sagen? Der ein Kontrollfreak Mensch. Ich habe einen Teil in mir – es ist echt schwer, dafür gute Worte zu finden, du siehst, wie sehr ich da rumeiere. Der Manager meint es gut. Er ist ein Kontrolltyp, dieser Manager.
Und tut alles, dass dieses Meeting nicht schief gehen kann. Unter anderem, notfalls eben die ganze Zeit reden. Er hat das Meeting so unter Kontrolle und denkt, wenn ich die ganze Zeit durchrede, die ganze Zeit alles im Griff habe, dann kann eben nichts aus der Kontrolle laufen, dann kann kein Chaos entstehen, vor dem ich Angst habe. Kannst du dich da ein bisschen reindenken, ein bisschen reinfühlen?
Wenn ich ganz tolle Angst vor Chaos habe, dann tue ich alles, um dieses Meeting zu beherrschen, zu kontrollieren, um meine eigene Angst nicht nach oben kommen zu lassen.
Das Zweite ist dann die Rolle des Brandbekämpfers. Die beiden können übrigens gemeinsam auftreten. Der Manager sorgt von Anfang an schon dafür, dass möglichst kein Grund ist für Chaos. Sollte doch irgendetwas rauskommen, was ich als Chaos empfinde, kann es sein, dass ich noch heftiger versuche, die Situation zu kontrollieren.
Es kann aber auch sein, dass ich gar nicht so sehr einen Manager habe, der hier arbeitet. Ich bin erstmal ganz entspannt und alles ist ganz locker. Und dann kommt eine Situation, in der ich das Gefühl habe, dass es chaotisch wird. Das kann sein, dass einfach jemand eine andere Meinung hat oder die Regeln, die ich am Anfang aufgestellt habe, da will jemand was anderes machen. Jemand hat einen alternativen Vorschlag, eine alternative Methode, irgendetwas passiert und das triggert in mir die Angst vor dem Chaos.
Und in dem Moment, dass ich getriggert werde und dieser Exil beginnt – der Teil mit dem Rucksack, der Teil mit der Angst – sich zeigt, sich meldet, dann springt der Brandbekämpfer ein. Der will helfen. Das ist niemand, der den anderen schaden möchte. Das ist, was häufig, wenn man in so einem Meeting sitzt und da ist einer, der entweder von Anfang an oder irgendwann zwischendurch auf die Idee kommt, das ganze Meeting zu beherrschen, die ganze Zeit Dinge zu regeln, die ganze Zeit Dinge zu kommandieren, zu machen, zu tun, zu beherrschen, die ganze Zeit zu reden – kommt man als Teilnehmer in so einem Meeting schnell auf die Idee, dass derjenige vielleicht was Schlechtes will, dass der denkt, die anderen sind verkehrt, die anderen sind doof, dies oder jenes.
Im Normalfall ist das gar nicht unbedingt so. Ist das gar nicht unbedingt so, sondern derjenige hat Angst. Und deshalb sage ich, wir dürfen mit Mitgefühl auf diesen Menschen schauen, da positiv drauf schauen, wissen, dass er mit sich selber kämpft. Diese Leute kämpfen nicht gegen dich, die kämpfen nicht gegen die Gruppe, die kämpfen mit sich selber in dem Moment. Und ich finde, das verdient unser größtes Mitgefühl, dass diese Menschen so hart mit sich gerade kämpfen.
Das heißt, egal ob es ein Manager ist, der von vornherein versucht, das System zu beherrschen, weil er Angst hat vor Chaos, oder ein Brandbekämpfer, der dann einspringt, wenn irgendwas sich so ändert, dass diese Angst nach oben kommt und er danach das Meeting beherrscht – in beiden Fällen versuchen nur diese Teile das eigene innere System zu beschützen.
Insofern hoffe ich, dass dir das ein bisschen was über Menschen erklärt, die Angst vor dem Chaos haben, und du in Zukunft tatsächlich mit mehr Mitgefühl in so einem Meeting sitzen kannst. Das heißt nicht, dass das gut ist. Das heißt nicht, dass das richtig ist, dass die Meetings so laufen. Ich versuche dich hier vor allem zu inspirieren, eine andere Haltung einzunehmen.
Sagen wir mal, wenn du sowieso schon drin sitzt, und auf der anderen Seite, vielleicht erkennst du ein kleines bisschen von diesem Menschen mit Angst vor dem Chaos in dir. Und vielleicht hilft dir meine Erklärung auch ein kleines bisschen, anders auf dich selber zu schauen, mit Mitgefühl auf dich selber zu schauen, auf den Kampf, der da in dir ist, auf diese harte Arbeit, die deine Teile in dir machen. Heißt nicht, dass das gut und richtig ist und dass nicht jeder Mensch sich weiterentwickeln darf, aber all die Teile im Menschen wollen Gutes für das System.
Und damit komme ich zu meiner Frage des Tages. Und die Frage ist: Wann hast du schon mal bemerkt in dir, dass du es geschafft hast, entspannt zu bleiben? Da ist was, das triggert dich. Vielleicht ist es Chaos, vielleicht ist es eines der anderen Sachen, die wir noch besprechen werden, wie Angst vor Bedeutungslosigkeit, Angst vor Blamage und ähnliches. Aber du hast es geschafft, entspannt zu bleiben. Und woran hast du das gemerkt? Dass es diesmal anders war. Dass du diesmal viel entspannter warst als sonst in einer ähnlichen Situation.
Und mit diesem hoffentlich positiven Gedanken an diese entspannte Situation und daran, wie du sie erkennst, würde ich sagen, ich wünsche dir noch einen wundervollen Tag und wir sehen uns morgen. Mach's gut!
Literatur:
Schwartz, R. C., & IFS-Europe e. V. (2024). Das System der Inneren Familie: Einführung in die IFS-Therapie – Ein Weg zu mehr Selbstführung (Erw. Neuausg.). München: Kösel-Verlag.
Schwartz, R. C., & Morissette, A. (2022). Kein Teil von mir ist schlecht: Mit dem Modell des inneren Familiensystems (IFS) Trauma heilen und zur Ganzheit zurückfinden. München: Kösel-Verlag.
Disclaimer:
Dieser Podcast ist ein virtueller Spaziergang und dient ausschließlich der Information und Inspiration. Die Inhalte stellen keine Psychotherapie, kein Coaching und keine professionelle Beratung dar und ersetzen diese auch nicht.
Alle hier formulierten Aussagen sind wissenschaftlich recherchiert. Die entsprechenden Referenzen und Quellen findest du im Anhang der Show Notes zu dieser Folge.
Ich übernehme keine Verantwortung für die Richtigkeit der wissenschaftlichen Aussagen oder deren Anwendung. Die Inhalte dieses Podcasts sind nicht als Anleitung zu verstehen, etwas Bestimmtes zu tun, sondern dienen rein der Inspiration und Anregung zum Nachdenken.
Bei gesundheitlichen oder psychischen Problemen wende dich bitte an entsprechende Fachkräfte oder Beratungsstellen.
Neuer Kommentar