Langsam. Werde ich damit schneller?
Shownotes
Langsam. Werde ich damit schneller?
Hallo und herzlich willkommen wieder bei unserem Spaziergang im Westerwald. Heute laufen wir besonders langsam. Schön, dass du mit dabei bist bei unserem langsam Laufen und der Frage: Langsam. Werde ich dann schneller? Es gibt ja ganz viele Sprichwörter aus den verschiedensten Kulturen und Zeiten, wie zum Beispiel das lateinische "Festina lente" oder "Eile langsam", oder Leute, die sagen "More haste, less speed" im Englischen. Und so gibt es ganz, ganz viele – ja, verschiedene – "Eile mit Weile" im Deutschen. Also ganz, ganz viele Sprichwörter. Und irgendwie scheinen die ja auch einen Sinn zu haben. Ich selber muss sagen, ich kenne das Problem mit dem Eilen und dem, dass es dann am Ende doppelt so lange dauert. Wie ist es denn bei dir? Wenn du denkst, dich besonders beeilen zu müssen, wenn du besonders einen Stress hast – ist das Resultat am Ende dann wirklich schneller? Oder ist es eher langsamer, weil du was dreimal machen musst, weil du was vergessen hast in der ganzen Eile? Also bei mir ist es deutlich das Letztere. Und ich weiß selber, wie unglaublich schwer es mir fällt, dann doch tatsächlich langsam zu machen. Ich bin so ein Mensch – ich bin immer eher so aktiv und am Rumspringen und Machen und Tun. Und gerade dieses "Eile mit Weile" ist etwas, was ich erst in den letzten Jahren ein bisschen gelernt habe. Schmerzlich gelernt habe. Denn tatsächlich, wenn wir uns beeilen, steigt ja unser Stresslevel. Also man atmet schneller, man hat Gedanken im Kopf, man ist – alles Mögliche rotieren. Das sorgt dafür, dass das System denkt, da muss ein Feind sein, und einfach mal unser altertümliches Stresssystem anschmeißt. Natürlich ist das jetzt in dem Moment total unpraktisch. Das versteht aber der Körper nicht. Der Körper ist ja noch aus Altsteinzeit, und wir leben in der Neuzeit – also noch weiter. Und in der Altsteinzeit, wenn ich Stress hatte… Dann war da echt was los. Also, wenn Stress – ist interessant, dass beide Wörter das gleiche sogar sind – also Stress haben und Stressreaktion. Das heißt, ich hatte Stress, ich hatte anscheinend ein Problem. Da hinten ist vielleicht ein Vulkan ausgebrochen, und ich musste schnell fliehen. In dem Moment war wahrscheinlich mein Stresssystem, das sagt "Laufe besonders schnell, ich gebe dir ganz viel Energie, und du kannst flüchten", ziemlich gut. Wenn da gerade eine Giftschlange ist oder ein Tiger, ist das System auch gut. Wenn ich aber auf der Arbeit irgendeinen Task – die blöde Präsi – bis abends noch fertig haben muss, dann ist das was anderes als ein Vulkanausbruch oder eine Schlange oder ein Tiger. Aber unser System, unser sogenanntes autonomes Nervensystem, unterscheidet dazwischen nicht. Der versteht nicht: Stress A ist lebensbedrohlich – Vulkanausbruch oder Tiger. Ich mache alle Reserven frei, ich lasse den rennen. Oder Situation 2: Die Präsi muss schnell fertig sein. Hoher Druck, hohe Gefahr, Chef wird sonst sauer. Und dann schaltet das System eben in diesen Stressmodus um. Der Stressmodus bedeutet aber: Ich habe ganz viel Energie, ich bin aber auf Flucht oder auf Kampf programmiert – oder im krassesten Fall darauf, mich zu erstarren. Das hilft nicht bei der Präsi oder bei ähnlichen Dingen, die ich machen muss, wo ich eigentlich meinen Kopf brauche, wo ich meine Kognition brauche, wo ich mich konzentrieren muss, wo ich vielleicht auch kreativ sein muss, wo ich mal um die Ecke denken muss, damit die Präsi auch echt gut wird. Das sind alles Dinge, die wir im Stressmodus nicht mehr gut können. Das heißt, die ganze Konzentration, die ganze Kreativität, die ganze daraus resultierende Produktivität ist futsch. Wir machen ganz viel, ganz schnell. Das ist ja, was unser Stresssystem dann will, was angesprungen ist – das will uns ja retten. Aber durch die fehlende Konzentration machen wir potenziell auch ganz viele Fehler. Dann – du kannst es dir schon vorstellen – sobald ich merke, dass ich einen Fehler gemacht habe, was vergessen habe oder sonst was, weil ich so schnell gemacht habe, steigt mein Stresslevel noch weiter, ich habe noch weniger Möglichkeit, mich zu konzentrieren, und das Ganze wird immer schlimmer. Da waren die schon ganz schön klug, die das alles gemerkt haben. Ist ja auch ein natürlicher Prozess im Menschen mit dem Stresssystem. Und deshalb sagt man also sehr zu Recht: Eile mit Weile. Denn wenn ich es schaffe, trotz der Bedrohung mein System zu beruhigen und zu sagen "Hey, da ist keine echte Bedrohung. Da ist zwar eine Deadline, aber wenn ich jetzt ganz entspannt bleibe, wenn ich was Schönes mache, vielleicht zwischendurch nochmal mit einem Kollegen quatsche", meinem System wirklich sage "Es ist alles okay" – dann kann ich danach auch kreativ sein, kann ich produktiv sein, kann ich konzentriert sein, und habe ich tatsächlich auch die Präsi zur Deadline fertig, und wahrscheinlich in der Qualität, in der ich sie haben will. Vielleicht erinnerst du dich an die Übung vom Montag – diese kleine Atemübung. Die kann genau dabei helfen, dein System wieder zurückzubringen in einen entspannteren Zustand, wo dein Nervensystem… Das übrigens ein autonomes Nervensystem ist. Autonom, nicht so ganz automatisch. Den Begriff kennst du vielleicht. Autonom heißt selbstständig, vielleicht, ganz gut übersetzt auf Deutsch. Also dein autonomes Nervensystem – das kannst du gar nicht so ganz bewusst steuern. Aber es gibt Möglichkeiten, es in eine Richtung zu bewegen. Und diese Atemübung ist schon eines davon. So etwas wie Mindfulness – vielleicht hast du das schon mal gehört. Also ganz bewusstes Wahrnehmen des Augenblickes und so weiter. All diese Dinge helfen diesem autonomen Nervensystem, um sich wieder zu beruhigen und um wieder in ein klares Fahrwasser zu kommen, der Entspannung, und damit auch der Konzentration, der Kreativität, der Produktivität und so weiter. Was übrigens nicht hilft, sind Beruhigungspillen – also diese chemischen kleinen Cocktail-Dinger. Die machen uns nämlich eher stumpf. Da ist dann auch nicht mehr viel mit Denken. Also lieber die eigene Birne, die richtige Birne, verwenden. Und manchmal hilft es ein bisschen frische Luft, tatsächlich. Bisschen bewegen, bisschen Spaziergang – all solche Sachen. Hier, Spaziergang in der Natur, im Westerwald, mit mir. Ja, solche Dinge, die bringen dein System häufig ein bisschen runter. Und dann kannst du mit Weile eilen und am Ende ein gutes Resultat haben. Und damit gehe ich jetzt entspannt weiter und frage dich: Woran merkst du, gerade in stressigen Situationen, dass du trotzdem entspannt bist? Oder auch: Woran erkennst du, dass du nicht mehr entspannt bist? Denn wenn du den Zustand des entspannt, während eigentlich stressig, nicht kennst – noch nicht kennst – dann ist das alles okay. Aber vielleicht erkennst du dann zumindest den Zustand, in dem du merkst: Okay, jetzt ist mein Stresssystem angesprungen. Vielleicht geht dein Puls hoch, vielleicht wird deine Atmung schneller, vielleicht werden deine Gedanken hektischer. Und dann hast du nämlich eine Chance, in dem Moment einzugreifen. Das heißt, auch wenn du jetzt noch nicht sagen kannst, woran du erkennst, dass du entspannt bist trotz dem Stress um dich herum, dann kannst du vielleicht für dich selber beantworten: Woran du merkst, dass du gestresst bist. Und dann eingreifen. Mal ausprobieren. Mal gucken, was passiert – zum Beispiel mit der Atemübung vom Montag. Und damit verabschiede ich mich von dir, wünsche dir einen wundervollen, entspannten, ruhigen Tag. Eile mit Weile. Und leb wohl.
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DISCLAIMER Dieser Podcast ist ein virtueller Spaziergang und dient ausschließlich der Information und Inspiration. Die Inhalte stellen keine Psychotherapie, kein Coaching und keine professionelle Beratung dar und ersetzen diese auch nicht. Alle hier formulierten Aussagen sind wissenschaftlich recherchiert. Die entsprechenden Referenzen und Quellen findest du im Anhang der Show Notes zu dieser Folge. Ich übernehme keine Verantwortung für die Richtigkeit der wissenschaftlichen Aussagen oder deren Anwendung. Die Inhalte dieses Podcasts sind nicht als Anleitung zu verstehen, etwas Bestimmtes zu tun, sondern dienen rein der Inspiration und Anregung zum Nachdenken. Bei gesundheitlichen oder psychischen Problemen wende dich bitte an entsprechende Fachkräfte oder Beratungsstellen.
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