Neid. Mitfreude statt Neid?
Shownotes
Hallo und herzlich willkommen an diesem wunderschönen Sonntag hier im Westerwald zu unserem gemeinsamen philosophischen Spaziergang. Diesmal wieder, genau wie die letzten zwei Tage, zum Thema Neid. Und wir haben ja schon geguckt, was das so gesellschaftlich bedeutet, was das für eine kulturelle und historische Perspektive hat, warum das in der Altsteinzeit tatsächlich einen Mehrwert hatte – auch wenn es in vielerlei Hinsicht eine negative Emotion ist. Und wir haben uns diese Emotion gestern in der psychologischen Betrachtung genauer angeschaut. Wir haben unser Licht darauf scheinen lassen und uns erhellt, was das so alles auf sich hat, wie das genau funktioniert und welche Einflussfaktoren Neid eigentlich hat. Und ganz interessant fand ich die Feststellung, dass es nur dann auftritt, wenn jemand tatsächlich mit uns vergleichbar ist oder wir uns mit demjenigen vergleichen, weil es uns interessiert, was er da erreicht hat. Und dann, ja, dann tritt Neid auf. In allen anderen Situationen nicht. Und es ist also eine ganz klassische Emotion, die gesteuert ist von unseren Hormonen. Umso mehr wir uns wohlfühlen in unserer Gruppe, umso wichtiger uns unser Gruppengefühl und unser Gruppenzusammenhalt ist, umso mehr von dem wunderbaren Kuschelhormon Oxytocin wir also ausschütten… Ich würde es gerade nach der Information von gestern nicht mehr Kuschelhormon, sondern Sozialhormon nennen, denn es macht nicht nur kuscheliger und angenehmer und sozial verträglicher und vertrauensvoller, sondern es macht auch neidischer – potenziell neidischer, potenziell schadenfroher, potenziell negativer gegenüber Menschen außerhalb der Gruppe. Es ist also ein soziales Zusammenhaltshormon, könnte man sagen. Eine buddhistische Perspektive Ja, eine philosophische Perspektive kann ich heute anbieten aus Sicht des Buddhismus, denn ich finde diese Perspektive besonders schön. Im Buddhismus ist Neid etwas, was man versucht, gegen etwas Positives auszutauschen. Vielleicht fangen wir erstmal mit dem an, was Neid selber im Buddhismus ist. Denn da geht man davon aus, dass es ganz viel mit einem falschen Selbstkonzept zu tun hat. Also wenn man glauben würde, dass es ein festes, getrenntes Ich gibt, das getrennt ist von allem anderen, dann kann ja auch sowas wie Wettbewerb, Vergleich und damit auch Neid daraus resultieren. Wenn ich aber davon ausgehe, dass alles miteinander verbunden ist, dann ist dieser Wettbewerb und Vergleich und damit Neid ja eigentlich sinnlos – wenn alles Eins und miteinander verbunden ist. Die drei Wurzeln des Neids im Buddhismus Das andere ist das Mangeldenken. Auch das sieht der Buddhismus als kritisch, aus dem in vielerlei Hinsicht ganz viel Leid entsteht, aber eben auch Neid. Denn wenn wir davon ausgehen, dass es genug Glück für alle Menschen gibt – für alle Menschen, für alle Tiere, für alles – wenn wir von dieser Abundance ausgehen, dann brauche ich ja auch nicht neidisch zu sein. Denn: Wie schön, der andere hat das schon! Es gibt mehr als genug Glück, und ich habe das auch. Ich erfahre das auch. Ich kann das auch erfahren. Und ja, in dem Moment, wo es nicht um eine Konkurrenz geht, weil es ja genug gibt – genug Positives, genug Liebe, genug Energie… Ich will jetzt nicht hier mit der Esoterik anfangen, aber von dem Gedanken her tatsächlich: Wenn es genug gibt, dann brauche ich nicht neidisch zu sein. Und ja, das finde ich eine ganz schöne Perspektive und geht auch so ein bisschen wieder in meine Altsteinzeit. Häufig war ja das Problem in der Altsteinzeit gar nicht unbedingt, dass es zu wenig Tiere gab, die man jagen konnte – solange man geschickt genug war in der Jagd. Das, was wir heute häufig als Begrenzung erfahren – diese Idee "es gibt nur eine gewisse Menge Geld und die wird zwischen den Leuten aufgeteilt", "es gibt nur eine gewisse Menge Land und das Land wird aufgeteilt" (was ja bei Land tatsächlich in gewisser Weise auch stimmt) – so haben wir in der Altsteinzeit in einer Welt gelebt, in der es extrem viele Tiere gab und extrem große Landschaften. Und wir haben sie ja nicht besessen, die Landschaften. Wir hatten auch keine klassischen Territorien, weil wir ja ganz viel Handel und Beziehungen mit den anderen Gruppen um uns herum hatten – ganze Netzwerke. Und diese Idee der begrenzten Möglichkeiten, das war etwas, was in der Altsteinzeit wahrscheinlich nicht im Vordergrund gestanden hat, sondern eher die Abundance, die großen Möglichkeiten, die da waren. Denn es gab meistens tatsächlich sehr viele, sehr große Tierherden. Und nicht das Problem, dass es die Tiere nicht gab – höchstens dass wir sie nicht gut genug gejagt haben. Ja, und dann hätten wir noch die Anhaftung. Der Buddhismus sieht tatsächlich das Klammern von uns an eine Vorstellung, wie das Leben sein sollte und das Bild dessen, dass der andere dadurch besser ist – in dem Bild, was wir haben, wie wir denken, wie es sein müsste. Wir haften an einem bestimmten Bild. Nur dann können wir uns ja auch wirklich vergleichen und nur dann können wir neidisch sein. Das sind also drei ganz wichtige Faktoren, die aus Sicht des Buddhismus dazu führen, dass wir überhaupt neidisch sein können:
Anattā – Ein falsches Konzept des Ich, dieses Festhalten am Ich, am Getrenntsein vom Anderen Dukkha – Die Idee, dass es nicht genug gäbe, der Mangelgedanken Taṇhā – Die Anhaftung an dessen, was wir denken, was sein müsste
Diese drei sorgen im Grunde im Gedanken des Buddhismus dafür, dass sowas wie Neid entsteht. Die vier Unermesslichen – Das Gegengift Und jetzt hat der Buddhismus – das habe ich dir ja versprochen, wir wollen ja nicht nur uns wieder negativ damit beschäftigen, sondern wir wollen wieder auf die positive Seite gehen – und wollen mal schauen, was der Buddhismus denn als Gegenkonzept dann anbietet. Und es gibt im Buddhismus vier Dinge, die vier Unermesslichen – also die, die man als Herzensqualitäten grenzenlos kultivieren sollte:
- Mettā – Die liebende Güte oder der Wohlwollen Man könnte da sagen: "Mögen alle Wesen glücklich sein", ist die Idee dahinter.
- Karuṇā – Das Mitgefühl Es würde sagen: "Möge das Leiden aller Wesen enden." Lesen sollte man können, auch wenn man beim Spazierengehen vom Handy abliest.
- Muditā – Die Mitfreude Und damit werden wir uns gleich ganz viel beschäftigen. Die sagt nämlich: "Möge das Glück aller Wesen andauern."
- Upekkhā – Der Gleichmut Der sagt: "Möge ich das Unabänderliche mit Gelassenheit annehmen." Muditā – Das direkte Gegengift zu Neid Und Muditā ist jetzt das direkte Gegengift zu Neid laut des Buddhismus. Denn wenn ich Mitfreude habe, dann mache ich genau das Gegenteil von Neid. Statt dass ich ihm etwas neide, was er erreicht hat, freue ich mich mit ihm. Ich münze es positiv um. Noch positiver als diese – in den letzten zwei Tagen als positive Sicht auf den Neid – nämlich, dass ich es als einen Ansporn sehe, um selber besser zu werden. Der Buddhismus geht noch ein ganzes Stück darüber hinaus in der Mitfreude, nämlich dorthin, dass ich sage: "Hey, ich freue mich! Ich habe eine empathische Freude gegenüber dem, was hier passiert." Der Unterschied in der Praxis Und statt dann zu sagen:
"Oh, sie hat eine Gehaltserhöhung bekommen, aber sie arbeitet auch viel weniger als ich…" Oder: "Toll für ihn, dass er befördert wurde – das hätte ich auch verdient…" Oder vielleicht auch: "Schön, dass sie so glücklich verliebt ist – warum klappt das bei mir nicht?"
Würde man andersrum mit Muditā – und damit ohne Neid – sagen oder denken oder äußern, wie auch immer (es geht ja um den Grundgedanken, um die Grundidee):
"Sie hat eine Gehaltserhöhung bekommen – und ich freue mich wirklich für sie!" Oder auch: "Seine Beförderung ist wunderbar! Er wird großartig in seiner Rolle sein." "Ihr Glück zu sehen, macht mich glücklich. Das ist schön."
Und dann geht es eben nicht mehr darum, dass ich mich vergleiche. Der Teil – hast du vielleicht gehört an den Sätzen – der fällt einfach weg. Die Übung der Mitfreude Und ich verstehe auch, dass das nicht leicht ist. Das hat ja wieder ganz viel mit dem eigenen Selbstbild zu tun. Da sind wir wieder bei der Thematik von gestern, auch von vorgestern: In dem Moment, dass mein Selbstbild, meine eigenen Überzeugungen von mir negativ sind, dann neige ich zu diesen Vergleichen. Dann neige ich zu diesem Wettbewerb. Dann neige ich dazu, klein zu denken. Dann neige ich dazu, mich als getrennt zu sehen. Wir sind mal wieder bei den buddhistischen negativen Bildern: Mich getrennt zu sehen, zu denken "es gibt zu wenig auf der Welt". Also all diese Gedanken… Und wenn ich dagegen ein positives Selbstbild habe, dann wird es sehr einfach sein, diese Mitfreude, diese Muditā auch anzugehen und bewusst umzusetzen. Aber das ist auch tatsächlich trainierbar. Denn wie so vieles in der Psychologie, in der Philosophie, in all dem, was wir tun, ist es auch ein Stück weit Übung. Wenn ich bewusst und liebevoll wahrnehme, dass ich jetzt einen negativen Gedanken hatte – und nicht mich auch noch dafür schelte: "So schrecklich, ich hatte schon wieder so ein Neidgefühl, so ein Neidgedanken! Das ist schlecht, das ist verkehrt, ich bin so schlecht, weil ich Neidgedanken habe!" Nein, das bringt uns nicht weiter. Das bringt dich nicht weiter. Das bringt keinen Menschen weiter. Denn am Ende hast du ein noch schlechteres Gefühl über dich selber. Du bist ja jetzt nicht nur nicht gut genug, sondern auch noch neidisch und auch noch deshalb schlecht. Nein. Also das bringt einen nicht weiter – auch wenn ich verstehe, dass der Gedanke natürlich naheliegt. Wenn du selber schon das Grundgefühl "ich bin nicht gut genug" hast und dann auch noch neidisch bist und dir meinen Podcast angehört hast in den letzten Tagen und denkst: "Oh nein, das will ich doch gar nicht sein!" – dann kann es das noch verstärken. Mettā – Liebevolle Güte sich selbst gegenüber Aber es ist tatsächlich liebevolle Übung. Es ist Mettā – die liebevollen Gedanken sich gegenüber auch zu haben. Die liebevolle Güte, mit der man eben auch diesen Prozess der Entwicklung der Mitfreude begleiten darf. Ja, ich weiß, es ist alles nicht einfach. Mettā ist nicht einfach. Mitfreude ist nicht einfach. Ich habe da schon viele Jahre dran geübt. Ich war, glaube ich… wie alt war ich denn da? 2024, 2025 – da war ich auf meinem ersten buddhistischen Retreat. Und das ist mir so schwer gefallen mit dem Mettā. Wir hatten da mehrere Mettā-Meditationen gemacht. Ich habe es geliebt und gehasst gleichzeitig. Und es war so schön und es war so schwer. Und genauso ist es natürlich auch mit der Mitfreude für viele Menschen. Vielleicht bist du schon da. Vielleicht kannst du dich immer mit Menschen freuen. Und vielleicht kannst du es dann, wenn du im Hintergrund nur ein bisschen neidisch bist. Vielleicht schaffst du es dann. Und vielleicht schaffst du es irgendwann – und vielleicht jetzt schon – dich immer mit Menschen mitzufreuen. Der Weg zur Abundance Und ja, vielleicht hilft dir ja der Gedanke an gestern, dass es doch schöner ist, 100.000 Euro zu verdienen – auch wenn die anderen mehr verdienen – weil du hast das Geld ja dann, statt 50.000 und die anderen verdienen deutlich weniger. Ja, das war ja eines der Experimente, über die ich gestern geredet habe. Und ich glaube, wenn wir uns mitfreuen, dann haben wir eben alle mehr. Und dann können wir auch mit gutem Gefühl uns im Leben verwirklichen, sozusagen die 100.000 Euro wählen statt aus Neid lieber die 50.000 zu nehmen. Und doch soll es gar nicht um das Geld an sich gehen. Wie gesagt, in der altsteinzeitlichen Perspektive geht es ja vor allem darum, die Grundidee zu haben – genau wie im Buddhismus – dass es Abundance gibt. Dass es genug Glück, mehr als genug Glück für alle gibt. Und wenn wir uns dem öffnen, dass es einen Weg dorthin auch immer gibt. Ja, das finde ich unglaublich schön und versuche ich hier auch im Podcast immer wieder mitzunehmen. Schlussfrage: Deine Erfahrung mit Mitfreude Insofern ist die Frage des Tages: Wie spürst du und wie weit spürst du, ob du Mitfreude hast? An welche Gelegenheit kannst du dich erinnern, dass du Mitfreude – vielleicht ganz bewusste Mitfreude – mit jemandem hattest? Vielleicht sogar erst einen negativen, neidischen Gedanken hattest und dann es geschafft hast, deine Perspektive zu wechseln und mit Freude mit dem Menschen zu erleben? Ich kann mich an den einen oder anderen Moment erinnern, wo das mir tatsächlich passiert ist. Im ersten Gedanken: "Ach scheiße, warum habe ich das nicht gekriegt? Das hätte ich doch auch haben wollen!" Und im zweiten Moment: "Hey ja, cool, dass der andere das hat! Und wenn ich mich mit ihm freue, dann geht es mir doch viel besser, als wenn ich mich hier kräme und ärgere, dass ich das nicht bekommen habe." Abschied und Ausblick Genau, das wollte ich dir gerne mitgeben hier zum Sonntag. Und morgen machen wir eine kleine Übung, die tatsächlich sich nochmal anschließt. An unserem Übungstag Montag üben wir mal zusammen in einer ganz kleinen Übung die Mitfreude. Ich wünsche dir einen schönen Tag. Lauf noch schön durch deinen Wald – und bis morgen!
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DISCLAIMER Dieser Podcast ist ein virtueller Spaziergang und dient ausschließlich der Information und Inspiration. Die Inhalte stellen keine Psychotherapie, kein Coaching und keine professionelle Beratung dar und ersetzen diese auch nicht. Alle hier formulierten Aussagen sind wissenschaftlich recherchiert. Die entsprechenden Referenzen und Quellen findest du im Anhang der Show Notes zu dieser Folge. Ich übernehme keine Verantwortung für die Richtigkeit der wissenschaftlichen Aussagen oder deren Anwendung. Die Inhalte dieses Podcasts sind nicht als Anleitung zu verstehen, etwas Bestimmtes zu tun, sondern dienen rein der Inspiration und Anregung zum Nachdenken. Bei gesundheitlichen oder psychischen Problemen wende dich bitte an entsprechende Fachkräfte oder Beratungsstellen.
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